Winternacht

eine geschlossene Schneedecke liegt über dem Lotterbeet

die blanken Leiber suchen sich wie Nacktmulle im Licht

Vivaldis Largo zähmt den bewegten Spätsommer

von Eisblumen gebannte Gespenster träumeln vor sich hin

die Ruhe birgt Kraft, Halt und Nähe

und Träume schießen scharf daneben

die Wärme strahlt jetzt von innen

Adventskalender

Dieses Jahr nutze ich die Möglichkeiten meines neuen WordPress-Accounts. Dieser beinhaltet die Installation von Plugins. Ich konnte deshalb bereits meine Menüs etwas ordentlicher zusammenfassen. Jetzt habe ich ein Adventskalender-Plugin installiert. Die Möglichkeiten sind bei diesem kostenlosen Plugin etwas eingeschränkt. Es wird deshalb keinen echten Türchenkalender geben, sondern einfach 24 Tage lang einen automatischen Post um 7 Uhr morgens.

Finden werdet ihr jeden Tag einen Teebeutelspruch. Die Sprüche wiederum fand ich an den Teebeuteln des Entspannungstees, den mir Donna allabendlich liebevoll kocht.

Viel Spaß und einen schönen ersten Türchentag wünschen Don und Donna.

cinnamon drink on a clear drinking glass

On Death

Then Almitra spoke, saying, We would ask now of Death.
And he said:
You would know the secret of death.
But how shall you find it unless you seek it in the heart of life?
The owl whose night-bound eyes are blind unto the day cannot unveil the mystery of light.
If you would indeed behold the spirit of death, open your heart wide unto the body of life.
For life and death are one, even as the river and the sea are one.

In the depth of your hopes and desires lies your silent knowledge of the beyond;
And like seeds dreaming beneath the snow your heart dreams of spring.
Trust the dreams, for in them is hidden the gate to eternity.
Your fear of death is but the trembling of the shepherd when he stands before the king whose hand is to be laid upon him in honour.
Is the shepherd not joyful beneath his trembling, that he shall wear the mark of the king?
Yet is he not more mindful of his trembling?

For what is it to die but to stand naked in the wind and to melt into the sun?
And what is it to cease breathing, but to free the breath from its restless tides, that it may rise and expand and seek God unencumbered?

Only when you drink from the river of silence shall you indeed sing.
And when you have reached the mountain top, then you shall begin to climb.
And when the earth shall claim your limbs, then shall you truly dance.

Kahlil Gibran (1883-1931), The Prophet (Knopf, 1923)

Hundstage – Ticken

Jetzt plage ich euch schon seit über drei Jahren mit meinen caninen Befindlichkeiten. Sorry. Es ist halt immer, wenn ich mit ihm unterwegs bin, fängt mein Kopf an zu dampfen. Und hier kommt jetzt meine heutige Erkenntnis:

Alle Hunde ticken gleich!

Die einen ticken langsamer, die anderen ticken schneller. Die, die langsam ticken, kann man relativ leicht unter die Kandare bringen. Bei denen, die schnell ticken, muss man es erst einmal schaffen, wahrgenommen zu werden. Das kann mitunter auch ein ganzes Hundeleben dauern, bis man es schafft oder eben auch nicht. Wenn man sich dessen bewusst wird, kann man aber auch nach drei Jahren noch Welten bewegen.

Im Grunde ist jede Hundeschule wohl gleich gut dazu geeignet, des Menschen liebsten Freund in die Spur zu bringen. Die eine ist eher für die Langsamen, die andere für die Schnellen gut. Eine Hundeflüsterin von der langsamen Sorte sagte einmal, dass wir keinen Fiat hätten, sondern einen Ferrari und den müsse man auch fahren können. Sie konnte es jedenfalls nicht so richtig.

Jetzt haben wir eine Schule gefunden, die einen guten mittleren Ansatz verfolgt. Da wird dann ziemlich schnell klar, worauf es ankommt. Im Grunde kommt es immer zurück auf Master and Servant. Der Hund ist der beste Diener, den man sich vorstellen kann, wenn man ihm glaubhaft klar machen kann, dass man der Meister ist.

Sicher gibt es auch bei den Hunden verschiedene Gemüter, aber von der Funktionsvielfalt sind sie alle gleich. Da ist es auch egal, wie groß oder klein das Knäuel ist. Die Geschwindigkeit macht’s.

Unser Hochgeschwindigkeitsetter SGV schafft es mittlerweile, relativ schnell zu akzeptieren, dass es am Ende der Leine nicht mehr weiter geht, wenn er zieht. Das ist ein kleiner Schritt für ihn, aber eine großer Sprung für uns.

o(h)ne love…

…oder der Verlust der Unschuld. Die FIFA hat sich jetzt schon zum zweiten Mal schuldig gemacht. Der platt(e He)ini, das Kleinkind, der Blatter und die anderen Scheichversteher haben dem Fußball endgültig die kaum noch vorhandene Unschuld genommen und ihre Taschen dabei gierig und ohne Scham gefüllt.

Da ist der jetzige Kniefall von DFB und den ganzen anderen nationalen Fußballverbänden schon fast minderschwer aber trotzdem unverzeihlich.

Nebenbei vergewaltigen die Mullahs schöne junge Frauen, weil sie scheinbar nicht auf das Paradies warten können. Auf Dauer werden sie aber nicht so wie die Talarträger auf den Unschuldigen herumtrampeln können. Die Frauen scheinen stark zu sein.

Und was macht das übrige Großkapital? Ah, kaufen wir mal eben den Zwitscher Dienst, damit der Hohlkopf wieder eine Plattform findet. Hoffentlich fliegt er bald zum Mars. Den Hohlkopf kann er dann gerne mitnehmen. Und wenn wir schon dabei sind, gleich den Kadyrow dazu.

Die Nacht der erschossenen Dichter

1937 wurden in der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 132 Menschen vom NKWD erschossen. Das waren die belarussischen Schöngeister, darunter auch 22 Dichter. Begründung war die angebliche Existenz eines “Vereinigten antisowjetischen Untergrunds”. Das Gefängnis, in dem sie vorher eingebunkert waren hies Amerikanka.

Das ist fast 90 Jahre her und wo stehen wir heute? Zum Glück kann man hier noch dichten, bis sich die Balken biegen. Für selbstverständlich sollte man das aber nicht nehmen.

bystro bystro

dawai dawai

sprach der Kosake und lechzte dabei

der Garcon hat’s gehört im schönen Paris

von Stund an wusste er, wie sein Laden hieß

weitere Infos dazu: https://www.dekoder.org/de/article/nacht-der-erschossenen-dichter-belarus-terror-stalin

Crimson’s Creative Challenge #210

After a week’s break, I’m in again, Crispina:

The Wrocław crew

Syzyfki and Fencer had been prepared for the tribunal. Odra, Washer and Butcher had formed a resistance group that was fighting for the leaves to fall in spring, as spring was the season of falling in love and therefore the leaves should also fall on the lovers. The red army had given all the red colour to paint the leaves in love-red. That, however, went too far, as the tree union went berserk. Syzyfki and Fencer sat on their chairs and spoke wisely: “All soldiers are immediately to leave the country and return to their cold home.” Without the red colour there was nothing lovable left on them. “Odra, Washer and Butcher, you are sentenced to cut out leaves from coloured paper and let them fall on the lovers in spring. In autumn you can try to find your own lovers under the falling leaves.”

Hanami

Wo ist die Kirschblüte im November?

Sie sitzt im Zweig und wartet geduldig auf ihre große Stunde

Dorthin hat sie den langen Weg aus Mutter Erde geschafft

Du lebst nicht nur für den Augenblick

Nein aus dir wächst neues Leben

In diesem wächst du weiter

in neuer Form

mono no aware

Kirschblüten fallen

um zu fliegen und um sich

dabei zu drehen

Quote of the day – Spruch des Tages – Detto del Girono

When dreams come true that you never dared to dream of,
you have won the lottery of life

Wenn Träume wahr werden, von denen du nie zu träumen gewagt hast,
hast du die Lotterie des Lebens gewonnen

Quando si realizzano sogni che non hai mai osato sognare
hai vinto alla lotteria della vita

Hundstage – Butoh II

Der Finsternis folgt das Licht in den Morgennebeln.

Der Butoh Lehrer Tatsumi Hijikata drückte sich so aus: “Heutzutage wird nur das Licht geschätzt. Aber wem verdankt das Licht sein Dasein? Dem Rücken der Finsternis, denn er trägt das Licht. Es gibt keinen Weg, die Natur des Lichtes zu verstehen, wenn man die Dunkelheit nie durchdrungen hat.” (Haerdter 1998, S. 42)

Vater Rhein deckt sich noch in Watte ein.

Ebenso verhält sich die Tochter Selz, bevor sie sich vereinigt.

Fressen und gefressen werden ist das Prinzip, das auch für die Falken gilt. Hier auf dem Berg ist es oft so, dass die Krähen die Falken ärgern. Hier ein seltener Anblick eines Falken im ganz ungestörten Alleinflug. Nachdem er nicht mehr ungestört sitzen bleiben wollte.

Die Butoh- und Yoga-Lehrerin Susanne Daeppen aus der Schweiz betont die Langsamkeit und ihre Bedeutung:

“Die Langsamkeit zwingt uns dazu, genau hinzuhorchen und hinzuschauen, wer und was wir als Menschen sind. Wir begegnen uns selbst und allem was existiert, ausweichen ist unmöglich. Es braucht Mut, um der unerbittlichen Herausforderung
der Langsamkeit zu begegnen. Denn es kann sein, daß wir nicht nur das Schöne in uns entdecken, sondern auch vieles, was Angst macht: das Unbegreifliche, das Hässliche, das Dunkle und das Unvermögen.

Wenn wir es also schaffen, den Blick ins Innere zu wagen und auszuhalten, eröffnen sich neue Erkenntnisse und Möglichkeiten in unserem Leben. Statt krank zu werden, oder unser Leben bestimmten zwingenden Mustern unterzuordnen.

Wir sehen in unseren Kosmos, in dem bei den meisten Dunkelheit und Licht miteinander existieren. Haben wir auf unserer Reise durchs Leben den inneren Wunsch oder keine Wahl mehr, dem Lichtvollen mehr Platz zu machen, weil das Dunkle oft beklemmend und schmerzvoll ist, dann ist der Butoh-Tanz ein geeigneter Weg, um über das Dunkle zum Lichtvollen zu kommen.” (Daeppen 2009, S.26)

Sie hat das beachtenswerte Dakini Dance Project gegründet:

Feuchter Keller

Die Stiege führt hinunter, alt, schief und bemoost. Doch unten fließt ein klarer Bach mit Molchen und Forellen. Wenn die Bierflaschen nicht festgezurrt werden, schwimmen sie einfach davon. Am Samstag wird gebadet, es ist eine wahre Party, die ganze Familie planscht nackt und unbeschwert. Im Winter fällt das Baden aus und die Schlittschuhe werden ausgepackt. Weil das Wasser wegfließt, steigt es nicht die Mauern hoch, so dass es oben im Wohnzimmer einen schönen warmen, trockenen Sandstrand gibt. Dort ruhen sich alle nach dem Baden aus, trinken Buttermilch und essen Zimtschnecken. Wenn das Bier nicht wieder mal weggeschwommen ist, gibt es auch mal ein Bügelfläschchen. Manchmal bringen die Kleinen auch ein Eimerchen Wasser hoch, um Sandburgen zu bauen. Dann schimpft aber der Papa, weil die matschigen Füße die Kellertreppe versauen. Die Mama richtet sich derweil in der Sandburg ein. Im Schlafzimmer hängen die Hängematten zwischen den Bäumen. An der Decke prangt ein Sternenhimmel, der immer mal wieder gegen das aktuelle Sternbild ausgetauscht wird. So können die Wasserschlangen ungestört ihren Verrichtungen nachgehen, während die Beos sich Gute-Nacht-Geschichten erzählen. Je nach Mondstand klappt es mit dem Schlafen mal besser, mal nicht so gut, aber wenn es nicht so gut klappt, wird einfach viel geträumt. Die Krönung ist aber die Dachterrasse. Dort treffen sich alle am Abend für den Ritt zum Highway in the Sky.

Crimson’s Creative Challenge #208

It’s amazing how Crispina comes up with a new picture week after week for god know’s how many years …

“Stop the horses father, there’s another piece of wood.” Charles pulled the reigns and brought the horses to a huffing stop. Michael jumped off the wagon and grabbed the log he had seen. He tossed it onto the wagon to the rest of the firewood they had gathered. Then he climbed back up on the coach stand and they trotted home.

Back at home mother was already waiting for them, as she needed wood for the stove. When Priscilla filled the combustion chamber she halted and said “How am I going to get this log in?”

The log jumped out of her hand, turned round and snarled “Can I give you a hand Milady?”, then it snorted and blew blue flames into the chamber.

Ramblings – Ein Trullo, zwei Trulli …

Es war der zweitletzte Frühlingstag im Oktober. Zu schön, um die Vespa zu Hause zu lassen. Deshalb nutzten wir die Chance, noch eine Lücke zu befüllen, die wir noch nicht gemeinsam bereist hatten: die Flonheimer Trulli. Genau genommen sind diese in Uffhofen beheimatet. Die runden weißen Weinbergshäuschen sind gewissermaßen das Wahrzeichen Rheinhessens, wenn auch schon unmittelbar südlich davon die Pfalz beginnt.

Unsere Fahrt endete abrupt bei der Geistermühle.

An diesem verwunschenen Ort befestigten wir die Vespa und zogen behütet mit Proviant und Fernglas los.

Der Weg führte dem Aulheimer Tal entlang in Richtung des Mustertrullos.

Wir lernten abermals eine ganz besondere Kulturlandschaft kennen. Hauptsächlich Streuobstwiesen mit vereinzelten Weinbergen und Weiden.

Anders als bei unseren bisherigen Unternehmungen trafen wir hier auf Schritt und Tritt andere unternehmungslustige Menschen im überwiegend mittleren Alter mit den üblichen Jack Wolfskin-Jacken.

Das liegt vermutlich daran, dass der Trulloweg interessant gestaltet ist. Hier wird auch an die jüngste Vergangenheit erinnert.

Vor eingier Zeit also lag bereits Bad Kreuznach im Meer. Und der labyrinthische Hornberg war eine Meeresinsel.

Man kann noch immer die Klippen sehen. Bei der nicht wirklich fotogenen Aulheimer Mühle ging der Weg links ab in Richtung des Zieles.

Dass ich kaum Teilnehmer des Gewimmels auf dem Foto habe, liegt an der DSGVO. Ich will ja nicht jeden nach der Erlaubnis fragen …

Wir nutzten eine Abkürzung zum direkten Aufstieg.

Wir kamen näher.

Kurz davor wurden wir von einer zum Glück friedlichen Drohne aufgespührt.

Nach einiger Zeit gelang mir dann dieses Bild. Die Trulli wurden im vorvorletzten Jahrhundert nach dem Vorbild apulischer Häuser errichtet.

Die Ausstattung ist karg, die Aussicht schön …

… z.B. auf einen Bonsai Weinberg

Von den fünf Picknicktischen waren vier belegt. Als wir gerade noch die Aussicht genossen, füllte sich bereits der fünfte. Wir waren nicht böse und setzten unseren Weg auf einem wenig ausgetretenen Pfad fort …

… um festzustellen, dass es hier keine einsamen Pfade gibt. Hier gab es auch schon wieder ein Gewimmel wie bei Ali Mitgutsch. Aus dem Naturkühlschrank kann man sich auf Vertrauensbasis mit Wein bedienen; frische Gläser stehen bereit und gebrauchte kommen in eine Kiste neben der Vertrauenskasse.

Wie schön, dass wir schließlich eine Bank fanden, die sicher seit 20 Jahren nicht mehr besucht worden war.

Dort packten wir dann unser Picknick aus und genossen den Ausblick. Bald bemerkten wir, dass zwar immer wieder Wanderer in der Nähe gelaufen kamen, aber alle rechtzeitig abbogen. Der betonierte Feldweg, der zu Füßen der Bank vom Berg kam, war scheinbar schon sehr lange nicht mehr passiert worden. Zumindest flog ein mindestens fünfmeterlanger Spinnwebfaden glitzernd in der Sonne quer über den Weg. Ich stellte die Theorie auf, dass wir scheinbar durch eine Dimensionspforte gelaufen sind und jetzt von den Anderen nicht mehr gesehen werden konnten.

Und tatsächlich, wir waren nicht zu sehen.

Uns bemerkte auch ein Zeitgenosse nicht, der im leichten Trab um die ´Hecke gejoggt kam, kurze Hose, lange Socken. Er schaute sich um und stellte sich dann an die Hecke. Donna bemerkte trocken: “Hinter der Hecke ist vor der Hecke”.

Als wir kontemplativ fertig waren, machten wir uns wieder auf den Weg aus dem Dimensionsloch heraus. Als ich plötzlich in mein Gesicht fasste, fiel mir ein, dass das die Spinnwebe war. Wie schafft das so eine kleine Spinne eigentlich?

Der Blick zurück bestätigt, nichts zu sehen …

Das ist für Herrn Ärmel aka Robert. Hier liegen noch die Gleise der Wiestalbahn, die von Armsheim nach Wendelsheim verlief. Bereits 1966 wurde der Personenverkehr, aber erst 1995 der Güterverkehr eingestellt.

Die Zeichen stehen noch, was das P wohl bedeutete?

Schon schade, dass das alles den Wiesbach runter geht …

Bevor wir wieder die Richtung Uffhofen einschlugen, beschlossen wir noch den jüdischen Friedhof von Flonheim zu besichtigen.

Vorne ist die Inschrift hebräisch und hinten lateinisch. Auf den Grabsteinen liegen Steine, das ist soweit ich weiß eine Ehrbezeugung für die Toten. Auch interessant sind die Jahreszahlen 5693 entspricht 1863.

Wir nutzen dann auch noch ein freundlich gestiftete Bank für einen kurzen Ausruher auf dem Rückweg …

… mit schöner Sicht.

Auf der anderen Seite des Wiesbachs sahen wir den zweiten Trullo …

… und zum Schluß die formidable Baumaschine, die die Straße verstopfte. Wir hatten gut sieben Kilometer geschafft.

Auf dem Rückweg hielten wir noch einmal kurz in Flonheim, das über eine Reihe herrschaftlicher barocker Bauernanwesen und eine beachtliche Kirche verfügt. Der dort gewonnenen Gelbsandstein hat vermutlich früher viel Geld in die Gemeinde gespült.

Aber damit war das gestrige Rambling noch nicht beendet. Wir hatten Karten für Fidelio im Wiesbadener Staatstheater. Donna und ich kamen gerade rechtzeitig zurück, um die Tochter abzuholen und über den Rhein zu fahren. Ich habe schon seit einiger Zeit das Geschick, immer so ein bisschen Last-Minute-mäßig unterwegs zu sein. Jedenfalls staute sich der Verkehr beim Grenzübertritt nach Hessen, weil vermutlich halb Hessen beim verkaufsoffenen Mantelsonntag in Mainz war. Die Uhr schritt erbarmungslos voran und die Ampeln schalteten beharrlich auf rot, so dass wir vier Minuten vor Vorstellungsbeginn im Parkhaus aus dem Wagen stiegen. Zum Glück hatte die Tochter Doc Martens Kampfstiefel unter ihrem feinen Kleid, so dass wir strammen Schrittes das Theater betreten konnten, direkt hoch in den dritten Rang, um dann vogelgleich in die Orchestergrube schauen zu können. Dort kam gerade der wildbehaarte Maestro einmarschiert. Ohne viel Gedöns startete er furios die Ouvertüre. Es war schön, wenn auch der Fidelio in Wirklichkeit eine Fidelia war. Vielleicht ist der Trullo ja auch kein Trullo, sondern eine Trulla …

Die Springbrunnenbeleuchtung ist dem Krieg zum Opfer gefallen, aber Licht gab es dennoch genug …

Danke fürs Lesen und Anschauen.

Drei Männer, zwei Bücher, eine Meinung

Ich bekam beide Bücher geschenkt und war dafür sehr dankbar.

Das Feld von Robert Seethaler

Einführungsspruch:

And you who loiter around these graves think you know life.
(Edgar Lee Masters, Spoon River Anthology)

In diesem Buch beschreibt Seethaler wie ein Mann auf einer alten Bank an der Friedhofsmauer sitzt und die Stimmen der Toten aus ihren Gräbern hört. Diese erzählen ihm ihre letzen Erlebnisse. Dabei werden die Geschicke und Geschehnisse eines ganzen Dorfes in einzigartiger Weise verwoben. Das Ganze in einer wunderbar einfachen Sprache, so wie ich sie schon aus anderen Büchern von Seethaler kannte. Es entwickelt sich eine subtile Dramatik um das Leben im Dorf.

270 Seiten aus dem Goldmann Verlag mit klarer Leseempfehlung von mir.

Nachmittage von Ferdinand von Schirach

Einführungsspruch:

Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tod keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.
(Thomas Mann, Der Zauberberg)

Das Buch verfolgt ein ähnliches Konzept wie Das Feld, wenn die Bücher auch nicht wirklich vergleichbar sind. Von Schirach beschreibt Episoden aus den Leben von Personen, wie man sie im wirklichen Leben kaum treffen wird, wenn man nicht von Schirach heißt. Das ist an sich kein Problem. Aber bereits nach der zweiten Geschichte dachte ich, hm, das war ja jetzt schon wieder so ein, wie bei der ersten Geschichte überraschendes, negatives Ende. Bei der dritten Geschichte wusste ich dann schon zwar nicht genau was, aber wie es kommt, und das wirkte einerseits bemüht und andererseits unglaubwürdig, obwohl er versichert, dass er diese Geschichten alle bei seinen Ramblings gehört habe. Die Geschichten selbst sind gut geschrieben, bleiben aber Inseln willkürlich scheinender Themen, die keine Beziehung zueinander finden. Dabei bedient von Schirach durchaus auch Themen, die mich interessieren. Nur behandelt er diese so oberflächlich, dass ich das Buch schon fast aus der Hand legen wollte. Ungeachtet dessen finden sich in dem Buch aber auch drei bis vier richtig gute Geschichten, und gegen Ende des Buches wurde ich dann einigermaßen versöhnt.

175 Seiten aus dem Luchterhand Verlag.

Seethalers Zitat von Edgar Lee Masters passt hervorragend zu seinem Buch. Geschichten, die Masters in Gedichtform über das einfache Leben schrieb, finden sich auch in Seethalers Buch.

Das Zauberbergzitat, das von Schirach benutzt, wirkt dagegen so willkürlich wie sein ganzes Buch.

Seethalers Buch ist wie ein Gemälde von Cézanne mit einem Touch Rubens. Von Schirachs eher ein Kandinsky mit einem Toch Cézanne.

Wenn man auch Äpfel nicht mit Birnen vergleichen soll, so ist es trotzdem legitim, wenn einem Äpfel besser schmecken. Meine Äpfel kommen vom See am Thal.